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Co-Counselling als spiritueller Weg
P. Johannes Risse
Auf dieser Homepage habe ich bei meiner Vorstellung geschrieben: Co-Counselling ist für mich ein spiritueller Weg zu Umkehr und
Neubeginn. Es bedarf wohl einer näheren Erklärung, was ich damit meine.
Dabei setze ich voraus, dass Co-Counselling bekannt ist. Die Aussage steht für
mich auf dem Hintergrund des Markus-Evangeliums: „Die Zeit ist erfüllt und
das Reich Gottes ist gekommen. Kehrt um und glaubt an die Frohe Botschaft.“
Das ist der spirituelle Weg für die an Christus Glaubenden: Jesus ist als
Christus die Frohe Botschaft. Er vergegenwärtigt sich als Mensch gewordener
Gott in jedem menschlichen Leben. Leben als menschlich zu deuten geschieht auf
dem geistigen Hintergrund des Zusammenhanges von Mensch, Gemeinschaft und
Welt. Hier ist für jeden die Botschaft zu finden, wenn er sich dieses
Zusammenhanges als Deutung des Lebens bewusst wird.
Erich Fromm sagt das mit seinen Worten:
„Die Geburt ist nicht ein augenblickliches Ereignis, sondern ein
dauernder Vorgang. Das Ziel des Lebens ist es, ganz geboren zu werden und
seine Tragödie, dass die meisten von uns sterben, bevor sie ganz geboren
sind. Zu leben bedeutet, jede Minute
geboren zu werden. Der Tod tritt ein, wenn die Geburt aufhört.“ (aus:
Hospiz Forum 2/05)
Ich möchte an das Gespräch von Jesus und
Nikodemus aus dem Evangelium nach Johannes erinnern. Jesus antwortet
Nikodemus:“ Amen, Amen, ich sage Dir, wenn jemand nicht von Neuem geboren
wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus antwortete ihm: Wie kann
ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden?“ ( Joh.3.3 ff)
Immer wieder geboren zu werden, das ist
das Ziel von geistlichen Übungen und dem Co-Counselling. Der Weg im
Co-Counselling zu diesem Ziel ist die Gleichwertigkeit aller Menschen und die
Wertschätzung für jeden von ihnen: „Jeder Mensch ist liebenswert und
verdient unsere volle Aufmerksamkeit.“ Ebenso gehören dazu die Entlastung
von Schmerzerfahrung und die Auflösung starrer Leben verhindernder Muster.
Die Nähe zu der Einstellung und Einübung
eines gläubigen Menschen, alle Menschen als Brüder und Schwestern des einen
Schöpfers zu sehen, ist offensichtlich.
Die Gleichwertigkeit wird im
Co-Counselling ausgedrückt durch die Haltung der freien Aufmerksamkeit. Diese
ist nicht einfach ein Tun, sondern eine Haltung sich selbst und den anderen
gegenüber. Das ist nicht eine Anstrengung des Willens oder des Denkens,
sondern eine Empfänglichkeit, die für Untertöne und Zwischentöne offen
ist. Solch eine Haltung ist die
Voraussetzung für jede geistliche Erfahrung. Nur in solch einer Haltung kann
eine religiöse Erfahrung wachsen, kann der ganz Andere sich schenken und
empfangen werden. Das Einüben derartiger Offenheit kann wohl mit einer neuen
Geburt verglichen werden. Wir wollen nicht mehr nur leben aus dem, was „es
gibt“, sondern aus der Einheit der Beziehung. So wird das Wort Jesu zur
Erfahrung:“ der Mensch lebt nicht von Brot allein, sondern von jedem Wort,
das aus Gottes Mund kommt.“ (Mth. 4.4)
Die Voraussetzung für eine solche
Offenheit des Denkens, Fühlens und Handelns ist für das Co-Counselling die
Entlastung und Verarbeitung alter Schmerzerfahrungen, die uns unfrei machen,
am Leben hindern. „Dass sie das Leben haben, und es in Fülle haben“ ist
der Sinn des Kommens Jesu Christi. Hier begegnen sich wieder das Anliegen des
Co-Counselling und das der geistlichen Übungen. So wird an diesem
entscheidenden Punkt deutlich, wie Co-Counselling für mich ein spiritueller
Weg ist zu Umkehr und Neubeginn.
Leben ist in dieser Welt nur möglich
im Körper. Im Hebräerbrief lesen wir: „Christus spricht bei seinem
Eintritt in die Welt:“... einen Leib hast du mir bereitet, siehe, ich komme,
deinen Willen zu erfüllen.“ (Hebr. 10.5 ff). Die Basis des christlichen
Glaubens und Lebens ist die Menschwerdung Gottes und der Auftrag des Christen
zur „neuen“ Menschwerdung.
Das Co-Counselling, wie wir es in Münster
praktizieren, hat mich erfahren lassen, wie der körperliche Ausdruck von
ungelebtem Leben und Schmerzen, mich in Denken, Fühlen und Handeln befreit.
Dazu gehört sowohl das assoziative Sprechen mit Wiederholung und dem Ausdruck
der Gefühle durch Stimme und Bewegung als auch das genaue Beschreiben und die
Rollenspiele. Oft erinnert mich das Co-Counselling an Erfahrungen, die die
Psalmen beschreiben. Ja, mein Ausdruck ist Gebet, wie der Psalmist es ausdrückt.
Ausdruck menschlichen Lebens von Klage, Freude und
Dank in der Aufmerksamkeit für Gott und von Gott: „Schüttet euer
Herz vor ihm aus!“ (Psalm 62.9 ).
Es genügt aber für uns Menschen nicht,
allein die Not und den Schmerz zu entlasten, sie sind uns aufgegeben zur
Verarbeitung, um so „neu geboren zu werden“. Wir konfrontieren uns mit uns
selbst, den anderen Menschen, unserer Geschichte und der Welt, in der wir
leben, um neue Wege zu gehen, auszusteigen aus alten Mustern.
Die Einübung der Verarbeitung erinnert an
geistliche Übungen, wie sie aus den Exerzitien des Ignatius bekannt sind.
Aufgrund der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus können wir sicher sein,
dass diese unterschiedlichen Übungen in den Exerzitien und im Co-Counselling
sich nicht widersprechen, soweit sie zu befreiter und erweiterter
Menschwerdung führen. Sicher kann die Auffassung von dem, was Menschwerdung
bedeutet für einen gläubigen Christen und einen Nicht-Christen
unterschiedlich sein. Sie können sich aber ergänzen.
Es ist wohltuend zu erleben, dass überall
dort, wo Menschen sich mit Selbsterkenntnis, Selbsterfahrung, Selbsthilfe eben
mit dem „Selbst“ – anders als das Ich – beschäftigen, zu den gleichen
Grundlagen finden. Die Akzente und die Techniken sind unterschiedlich, aber
die Wurzeln sind gleich. Dies zeigt sich in den Religionen, Psychotherapien,
Selbsthilfemodellen. Die Grundlage ist die Benutzung und Ausbildung unseres
Gehirns als ein menschliches. Darauf verweist der Neurobiologe Gerald Hüther
in seinem Buch: „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“. Er
setzt das menschliche Gehirn zu anderen Gehirnen dadurch ab, dass es zwar
eingeengt ist durch gebahnte Schaltungen, aber dennoch offen und so auch
veränderbar. Um die Offenheit des menschlichen Gehirnes auszubilden,
zu erhalten und wiederzugewinnen, sind für Hüther bestimmte Bedingungen
notwendig, und er sieht in unserer Gesellschaft die Gefahr, dass sie verloren
gehen. Es sind die Fähigkeiten, die auch als Tugenden zu beschreiben sind.
Die umfassendste Fähigkeit ist für ihn zur Ausbildung und Erhaltung eines
menschlichen Gehirnes die Liebe. Erstaunlich ist für mich, dass ein
Naturwissenschaftler zu diesem Ergebnis kommt. Der Aufruf zu Liebe und Wertschätzung
ist demnach mehr als ein moralischer Appell. Er bedeutet Entwicklung und
Ausfaltung der biologischen Grundlagen zur Menschwerdung. |