| Glaube
und Erfahrung – ein Selbsthilfeprogramm lehrt beten
(von P. Johannes Risse)
Als
gläubige Christen stehen wir mit unserem Glauben auf den Erfahrungen der
Bibel und in der Tradition der Kirche. Jede Zeit und jeder einzelne Mensch ist
aufgefordert zu überdenken, wie er den Glauben für sich in seiner Zeit lebt.
Wie unterschiedlich der Glaubensausdruck ist, zeigt uns das Alte und Neue
Testament. Es heißt immer: Kehrt um! Werdet neu! Alle Gläubigen stehen und
standen vor der Frage: Wie sieht das aus für mich? Oder anders gesagt: Was
will Gott von mir? Was ist sein Ruf an mich? Hier möchte ich von einem Weg
berichten, der mir gute Bedingungen zu eröffnen scheint, um Gottes Ruf zu hören
und seine Sprache zu verstehen. Dieser Weg ist in ein Selbsthilfeprogramm gefasst.
Es heißt: „Co-counselling“ auf deutsch: Mit sich zu Rate gehen!
Der
Grundstein für diesen Weg ist das Einüben in die Haltung einer „freien
Aufmerksamkeit“. Das soll eine Haltung sein, die möglichst absichtslos ist,
die nicht vorab bewertet, sondern hinnimmt und sein lässt. Ein zweiter
Grundsatz ist: Jeder Mensch verdient diese freie Aufmerksamkeit. Sie bedeutet,
anwesend zu sein, da zu sein bei mir selbst und bei den anderen, die mir
begegnen. Das ist eine Voraussetzung für Anerkennung, Wertschätzung und
Vertrauen. Da zu sein erinnert an die Geschichte vom brennenden Dornbusch, der
brennt und nicht verbrennt. Da gibt Jahwe Mose seinen Namen bekannt: Ich bin
„Der Ich-bin-da“. Etwas anders drückt Erich Fried die Haltung der freien
Aufmerksamkeit aus in seinem Gedicht „Was es ist:“ „Es ist Unsinn sagt
die Vernunft / Es ist was es ist, sagt die Liebe.“
So
ist freie Aufmerksamkeit als menschliche Haltung eine angemessene Bedingung,
um das eigene Denken, Fühlen und Handeln wahrzunehmen und für Veränderung
zu öffnen. Dazu hilft ein weiterer Schritt des Selbsthilfeprogramms: In der
Gegenwart eines anderen Menschen, der in freier Aufmerksamkeit da ist, all das
auszusprechen, was mich beschäftigt. So begegne ich mir selbst und übe auf
die erste Frage der Bibel: „Wo bist du Adam?“ zu antworten. Man nennt
diese Art zu denken und zu sprechen: assoziativ. Sie steht im Gegensatz zum
logischen Denken, das urteilend und bewertend ist. Beide Arten des Denkens
haben ihre Berechtigung und eröffnen unterschiedliche Arten der Erkenntnis.
Uns Gott zu nähern geht wohl eher über das assoziative Denken. Von Jesus heißt
es: Er redete in Gleichnissen zu ihnen und ohne Gleichnisse redete er
nicht.“ Gleichnisse aber regen das assoziative Denken und Erkennen an.
Es
gehört Wertschätzung und Mut dazu, auf diese Weise zu sprechen und zu
denken. Ich weiß ja nicht, was mir einfällt und was der denkt, der mir
Aufmerksamkeit schenkt.
Solche
Erfahrung: auszusprechen, was mich bewegt, im Vertrauen darauf, angenommen und
geschätzt zu werden, kann eine Hilfe für die Einübung ins Beten sein. Die
Psalmen zeigen es uns. Der Psalmist bittet immer wieder um die freie
Aufmerksamkeit Gottes, wenn er sagt: „Verbirg nicht dein Gesicht vor mir.“
Die Erfahrung aber, dass in dem Selbsthilfeprogramm des „Co-counselling“
ein Mensch mir diese Aufmerksamkeit tatsächlich schenkt, kann mir eine Ahnung
davon geben, was es heißt, in der freien Aufmerksamkeit Gottes zu stehen und
dass ich mein Herz vor ihm ausschütten kann. (Ps. 62)
So
ist die Selbsthilfe durch „Co-counselling“ eine praktische Einübung ins
Gebetsleben.
Gott
schenkt mir freie Aufmerksamkeit und ich ihm, wo ich mein Herz vor ihm ausschütte.
Das macht mich hellhörig für seinen Ruf an mich.
Das
Einüben und die Erfahrung der Haltung freier Aufmerksamkeit sowie das
assoziative Sprechen können mich nicht nur für mich und die Menschen in der
Welt öffnen, sie sind auch Bedingungen für einen gelebten und gebeteten
Glauben.
Der
102. Psalm gibt ein Beispiel, wie Menschen auch früherer Zeiten in dieser
Weise ihren Glauben ausgedrückt haben:
„Gebet
eines Unglücklichen, wenn er in Verzweiflung ist und vor dem Herrn seine
Sorgen ausschüttet
Herr,
höre mein Gebet!
Mein Schreien dringe zu dir!
Verbirg dein Antlitz nicht vor mir!
Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu!
Wenn ich dich anrufe, erhöre mich bald!“
Auf
dem dargestellten Weg des „Mit-sich-zu-Rate gehens“ (Co-counselling)
machen Menschen auch heute Erfahrungen, die sich in der Bibel wiederfinden.
Das ist Glaubensverkündigung durch Erfahrung. |