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Das Antlitz
P. Johannes Risse

Der Philosoph E. Lewinas schreibt dem „Antlitz“ des Menschen eine hohe ethische Bedeutung zu, wie sie sich im Co-Counselling in der freien Aufmerksamkeit und dem ungeschützten, ehrlichen Ausdruck des Counselnden findet.

Unter „Antlitz“ versteht er das offene, der Welt zugewandte Gesicht des Menschen, das sich in seiner Andersartigkeit dem Anderen zeigt, offen, ungeschützt und damit verletzlich. Das Antlitz sei, so sagt er, ein Aufruf, der bedingungslosen Gehorsam für die Bitte (das Gebot) fordert: „Du sollst mich nicht töten!“

Gleichzeitig ist dieses Antlitz aber auch eine Herausforderung an die menschliche Freiheit, die diesen Ruf in den Wind schlagen kann und sagen: „Ich habe die Möglichkeit zu Deiner Vernichtung, wenn ich darauf bestehe, dass ich mir hole, was ich zum Leben brauche und Du mir dabei hinderlich bist. Du bist für mich ausschließlich Mittel zu dem Zweck, dass ich lebe. Ich vereinnahme den anderen in mein Selbst und morde ihn damit, wenn er sich nicht wehrt oder wehren kann.“

Weil ich im Antlitz des anderen meine Möglichkeit erkenne, ihn zu vernichten, ist eben dieses Antlitz für mich auch Aufruf zur Gastfreundschaft, also zur Überwindung der Egozentrik und Wertschätzung des Du. So stellt mich die Begegnung mit dem Antlitz unvermeidlich vor die Frage: Bin ich „ein Wolf für den anderen“ (Hobbes) oder „ der Hüter meines Bruders“ (Kain).

Literatur: Levinas: Ethik und Unendliches; Hg.Peter Engelmann