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Es kommt auf die Pointe an
Einige Beziehungen zwischen Co-counselling und dem Psalmengebet
P. Johannes Risse
Meine ersten Erfahrungen mit dem Beten und Singen von
Psalmen machte ich schon mit 13 Jahren. Wie aus einer anderen Welt kamen sie
auf mich zu. Das blieb auch so in der gesamten Zeit meiner Ausbildung zum
Priester. Die Psalmen blieben mir fremd. Ich sollte die Gedanken von Menschen
einer längst vergangenen Zeit nachsprechen! Das hatte für mich keinen
aktuellen Bezug. Die Psalmen blieben für mich: unverständlich, aufgesetzt,
vorgesetzt.
Als ich im Jahr 1977 das Selbsthilfeverfahren des
Co-counselling kennen lernte, brachte ich das, was dort geschah, spontan mit
dem zusammen, was ich über Jahre in den Psalmen gelesen, aber nicht
verstanden hatte. Ich erinnerte mich an Sätze wie:
"Herr, höre mein Gebet,
mein Schreien dringe zu dir.
Verbirg dein Antlitz nicht vor mir!
Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu.
Versengt wie Gras und verdorrt ist mein Herz,
so dass ich vergessen habe mein Brot zu essen.
Vor lauter Stöhnen und Schreien
bin ich nur noch Haut und Knochen......" (Psalm 102)
oder im Psalm 137:
"An den Strömen von
Babel,
da saßen wir und weinten,
wenn wir an Zion dachten."
Und dann diese lieblosen Gedanken, völlig unverständlich damals:
"Tochter Babel, du Zerstörerin!
Wohl dem, der dir heimzahlt,
was du an uns getan hast!
Wohl dem, der deine Kinder packt
und sie am Felsen zerschmettert!"
Dazwischen immer wieder:
"Singt - spielt - freut euch -
klatscht in die Hände - jubelt - dankt" (z.B. Psalm 98).
Was Co-counselling ist, konnte ich damals beschreiben mit
den Worten aus dem Psalm 62: "Schüttet euer Herz
vor ihm aus!" Weil ich dazu im Co-counselling konkret angeleitet
wurde, schrieb ich sozusagen meine eigenen Psalmen in meinem Bemühen, mich
auszudrücken. Und ich konnte nun ganz anwesend dem Psalmisten freie
Aufmerksamkeit schenken.
Freie Aufmerksamkeit ist die Grundhaltung für das Üben im
Co-counselling. Es war die tiefste Entdeckung für mich, dass diese
Grundhaltung die Psalmen durchzieht. Die gläubige Israelitin / der gläubige
Israelit weiß sich aufmerksam angeschaut von ihrem/seinem Gott, dort wo Leben
gelingt und wo Leben scheitert. "Du bist mit meiner
Not vertraut." (Psalm 31) "In all
meinen Wegen bist du bewandert." (Ps. 139)
Von meinem Studium und den geistlichen Übungen her wusste
ich, dass der Name Gottes im Alten Testament ist: "Ich
bin der Ich-bin-da!" Das war das Aha-Erlebnis, als ich im
Co-counselling hörte: "Es geht darum, dazusein in freier
Aufmerksamkeit, möglichst absichtslos und vorurteilsfrei. Jeder Mensch ist
schön und liebenswert und verdient meine volle Aufmerksamkeit." So führt
Counseln mich über mich hinaus: Im Tun gemeinsam immer wieder etwas von
dieser menschlichen Tiefe aufscheinen zu lassen und das Nicht-Gelingen, die
Begrenztheit und Fehlerhaftigkeit emotional zu entlasten, um Befreiung, weiten
Raum schenken zu lassen. Co-counselling ist mehr als psychische Entlastung
oder Veränderung psychischer Muster. Es lässt aufscheinen, was der 8. Psalm
sagt:
"Wenn ich ansehe deinen Himmel
das Werk deiner Finger
Mond und Sterne, die du hast gefestet,
was ist das Menschlein,
dass du sein gedenkst,
der Adamssohn,
dass du zuordnest ihm!
Ließest ihm ein Geringes nur mangeln,
göttlich zu sein,
kröntest ihn mit Ehre und Glanz." (Übersetzung Buber)
Für mich waren die Psalmen auch unverständlich, weil da
Gedanken und Gefühle ausgedrückt wurden, die für mich oft unvereinbar oder
so auch nicht zu vertreten waren (z.B. Ps. 137). Da gab es Ärger auf Gott,
Vorwürfe an ihn, Wut auf Menschen, Verzweiflung u.v.a.. Vieles war so
unlogisch. Ich war Sprechen mit Gott gewohnt in klaren, logischen Sätzen. Die
verstand ich zwar oft auch nicht, aber ich spürte doch, dass das irgendwie
logisch aufgebaut war. Da hat einer gedacht, und ich soll doch auch denken,
wenn ich bete.
Im Co-counselling wurde ich konfrontiert mit einer anderen
Art des Denkens: dem Assoziieren. Ich merkte spontan: Das ist es, was auch in
den Psalmen geschieht. Deshalb kann logisch zunächst Unvereinbares
nebeneinander stehen. Das ist dem lebendigen Leben abgeschaut, ist kreativ. Es
ist nicht die Sprache von Instruktionen und Imperativen, wie ich sie kannte,
und die ich in die Psalmen hineingelesen hatte. Es ist vielmehr die Sprache
der Hoffnung, des Trostes und der Freude.
Es ist nicht verwunderlich, dass fast die Hälfte der
Psalmen Klagegebete sind. Sehr verständlich, dass mir der Zugang versperrt
war, hatte ich doch nicht gelernt zu klagen. Statt dessen galt (und gilt) als
Zeichen christlichen Lebens: Lerne zu leiden, ohne zu klagen! Erst im
Co-counselling lernte ich, meine eigene Klage zu klagen. Es war jemand da, und
ich erfuhr die eigene Logik von: Ausdrücken des Gefühls und Entlastung, die
freimacht für Freude, Dank, Feier. All das fand ich nun wieder in den
Psalmen.
"Du hast meinen Füßen freien
Raum geschenkt." (Ps. 31)
"Es jubelt mein Herz über
deine Hilfe!
Singen will ich dem Herrn, weil er mir Gutes getan hat."
(Ps. 13)
"Unsere Seele ist wie ein
Vogel, dem Netz des Jägers entkommen,
das Netz ist zerrissen, und wir sind frei." (Ps. 124)
Ich erfuhr, dass ich der Täuschung aufgesessen war, die in
unserer verkopften Gesellschaft besonders verbreitet ist, dass der Ausdruck
von "Schmerz" mit dem "Schmerz" selbst gleichgesetzt wird.
Dass der Schmerzausdruck eine Veränderung des Schmerzes, ja oft die
Beseitigung bewirkt, wird durch Normen wie: "Das tut man nicht, du bist
ja verrückt, wo kommen wir denn hin etc." verhindert. So wird Katharsis
(Entlastung, Reinigung, Befreiung), die die wesentliche Grundlage des
Co-counselling ist, nicht möglich.
Ottmar Fuchs verdeutlicht diese Einstellung und befreiende
Erfahrung in seinem Artikel "Die Freude in der Klage; zur Pointe
alttestamentlichen Klagegebets und Gottvertrauens" mit dem Verstehen der
Pointe bei einem Witz. Er zeigt den Weg auf: von der Not im Klagegebet der
Psalmen zum Lob über die erlebte Befreiung durch den Ausdruck der Not, die
Klage. "Der Witz der biblischen Klage besteht darin, dass Trauer und
Freude, sowie deren Ausdrücklichkeiten in Weinen und Lachen zusammengehören:
im Horizont des in der Not nahe geglaubten Gottes verlieren sie ihre Gegensätzlichkeit
und Unvereinbarkeit.... Das Klagegebet führt im Durchgang zu dieser Pointe
hin, ist für sich der Entdeckungsprozess zum Kapieren dieser Pointe."
Das ist für mich eine Beschreibung von Katharsis in den
Psalmen und zeigt damit die Beziehung von Psalmengebet und Co-counselling auf.
Im Umschlagtext der Zeitschrift der Re-Evaluation -
Counselling - Organisation wird das so beschrieben: "Eine angemessene
emotionale Entladung befreit den betreffenden Menschen von dem starren
Verhaltensmuster und dem Gefühl, das sich nach der Verletzung festgesetzt
hat. Das grundlegende, liebevolle, kooperative, intelligente und
begeisterungsfähige Wesen dieses Menschen kann sich dann frei
entfalten."
Einige Hinweise der Beziehung von Co-counselling und
Psalmengebet am Beispiel des 22. Psalms:
"Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?"
So weit ist der Psalm 22 wohl allen Christen vertraut, denn
Jesus betete diesen Psalm am Kreuz, wie die Bibel berichtet. Wenn ein gläubiger
Christ heute so betet, wird er der Blasphemie bezichtigt. Klagen ist in den
offiziellen Gebeten der Kirche rar. Es gilt eher: so darf man mit Gott nicht
sprechen, nicht mit ihm hadern.
Im Psalm 22 geht es so weiter:
"Mein Schreien bleibt fern
meiner Rettung.
Mein Gott ich rufe bei Tage,
aber nicht erhörst du mich!
Ich rufe bei Nacht,
doch ich finde keine Ruhe."
Der Beter vertieft sich noch in seine Situation durch
Wiederholen und genaueres Beschreiben, so lockt er seine Assoziationen.
"Du aber bist heilig,
den Ruhmestaten Israels wohnst du inne.
Auf dich haben vertraut unsere Väter.
Sie haben vertraut und du hast sie gerettet.
Zu dir haben sie geschrien
durch dich sind sie gerettet worden.
Sie haben vertraut und wurden nicht enttäuscht."
Für mich sind diese weiteren Verse die Ausbreitung einer
Assoziationskette. Sie sind poetisch geformt über die Jahrhunderte und doch
ganz persönlich. Der Ausdruck der eigenen Verlassenheit öffnet den Blick für
"neues Altes", Erfahrenes, Geglaubtes, das der Beter jetzt neu erfährt.
Es öffnet sich ihm durch die Klage neue Realität.
Es ist wohl nicht zufällig, dass dem Beter zunächst die
Erinnerung an die Hilfe einfällt, die "die Eltern und Großeltern"
erfahren haben. Sie haben vertraut, daran erinnert er sich und auch daran, dass
Gott mit ihnen war.
Die eigene Not lässt die Assoziationskette zu ihm selbst
zurückkehren, und er kann es, weil er selbst Vertrauen geschöpft hat. Auf
diesem Hintergrund spricht er sich selbst aus:
"Ich aber bin ein Wurm, kein
Mensch
von Menschen verspottet, verachtet vom Volk.
Alle, die mich sehen, verhöhnen mich
Sie spalten mit der Lippe und sie schütteln den Kopf.
Wälze auf Jahwe! Er rettet ihn.
Er befreit ihn, wenn er Gefallen an ihm hat."
In dieser tiefen Verlassenheit, wo es nicht mehr weiter zu
gehen scheint, öffnet gerade der ausgedrückte Schmerz eine Assoziation.
"Ja, du hast mich aus dem
Mutterleib hervorgezogen,
hast mir Vertrauen eingeflößt an den Brüsten meiner Mutter.
Auf dich bin ich geworfen worden vom Mutterleib an.
Vom Leib meiner Mutter an bist du mein Gott."
Im weiteren Verlauf des Psalms geht die Assoziationskette
noch weiter bis zur Feier im Vers 26: "Aus deiner Nähe
kommt mein Lobpreis."
Der Beter hat wohl die Pointe verstanden, wie Fuchs das
Klagegebet versteht. "Die Noterfahrung eröffnet
gerade das, was sie scheinbar ausklammert: die Nähe Jahwes. Das Aussperrende
wird zum Einfallstor des Ausgesperrten."
Die Pointe liegt immer dahinter. Das ist ihr Wesen.
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