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Stand: Oktober 2008
Das Projekt „ Fair Streiten Lernen“ für Schulklassen und ganze Jahrgangsstufen von Klasse 3 aufwärts.
Bei dem Projekt „Fair Streiten Lernen“ handelt es sich um eine Möglichkeit, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ein Instrument an die Hand zu geben, das Konflikte in streng strukturierter Weise in kleinen Schritten zu Lösungen führt. Seit 30 Jahren vermitteln die Autoren Dipl. Psych. Siglind Willms und Pater Johannes Risse in Gruppenveranstaltungen ihrer privaten Praxis sowie in vielfältigen Seminarangeboten diese Form der Konfliktbearbeitung für alle Altersgruppen ab 8 Jahren. Im Jahr 2000 brachten Siglind Willms und Veronika Hüning diesen Ansatz in eine Form, die es Schulen ermöglicht, SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern dieses Instrument der Konfliktarbeit an die Hand zu geben und damit die Grundlagen einer konstruktiven Streitkultur zu schaffen.
Seit Januar 2001 wurde dies Projekt an 31 Schulen sowohl in einzelnen Problemklassen als auch in ganzen Jahrgangsstufen, zwei- bis sechszügig, durchgeführt. Ungefähr 4000 SchülerInnen nahmen daran teil und ca. 210 LehrerInnen. Diese wurden teilweise angeleitet, als TrainerInnen bei dem Projekt mitzuwirken. Es wurde entwickelt, um an den Schulen Möglichkeiten der Konfliktbearbeitung zu schaffen und eine Streitkultur aufzubauen, die die Gewaltbereitschaft verringert oder der Gewaltanwendung vorbeugt.
Nach dem Verständnis der Fachleute um Dipl. Psych. Siglind Willms und Pater Johannes Risse, sind Konflikte nichts Negatives sondern gehören notwendigerweise zum Leben dazu. Sie entstehen natürlicherweise, weil wir Menschen verschieden sind und weil unsere Interessen und Ansprüche oft mit denen anderer Menschen kollidieren. In derartigen Situationen kommt es darauf an, für seine eigenen Wünsche energisch einzutreten, und das gleiche Recht auch den anderen zuzugestehen.
In unserer Gesellschaft sind wir es gewöhnt, uns in vielen Streitfragen danach zu richten, wer im Recht ist oder die Macht hat sich durchzusetzen. „ Lösungen“, bei denen es einen Gewinner und einen Verlierer gibt, sind uns überall vertraut. Sie haben aber den Nachteil, dass sie Gefühle von Kränkung und Zu-kurz-Kommen, von Wut und Rachlust bei den Unterlegenen hinterlassen. Im „ fairen“ Streiten wird ein Weg gesucht, bei dem beide Seiten am Ende zustimmen können. Den Weg zu finden ist nicht leicht, und man muss viele Fähigkeiten erwerben wie z.B. zuhören, sich in einen anderen hineinversetzen, eigene Gefühle äußern, sich gegen Übergriffe eines anderen wehren und Interessen verteidigen, wenn man diese faire Form der Konfliktbewältigung erlernen will. In dem Projekt wird daraufhin gearbeitet, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene ( LehrerInnen und Eltern) diese Fähigkeiten in Form von Übungen kennen lernen, entwickeln und einüben. Die einen müssen ermutigt werden, sich entschiedener durchzusetzen, die anderen müssen lernen, sich in Schwächere einzufühlen, ihre Grenzen zu respektieren und ihre Stärke eventuell zurückzunehmen. Beides geschieht über Erfahrungen in Trainingsgruppen, die ca. 10 TeilnehmerInnen stark sind. Über die Erfahrungen wird nachgedacht, die Gedanken werden ausgetauscht und ausgewertet.
Die wesentlichen Elemente dieses Trainings sind:
- Ein Bewusstsein für Durchsetzungswirklichkeit, Durchsetzungsringkämpfe und Machtverhältnisse im täglichen Miteinander zu entwickeln
- Freie Aufmerksamkeit für die Andersartigkeit anderer Menschen einzuüben
- In Ich - botschaften sprechen zu lernen
- Spiegeln einzuüben, d.h. wiederholen der Äußerungen anderer Menschen, um Verständnis zu gewährleisten
- Wertschätzung und Selbstwertschätzung zu lernen
- Fordern und Verweigern zu üben
- Kritische Rückmeldung (Feedback) zu geben
- Das Modell des „fairen Streitens“ kennen und anwenden zu lernen.
Dieses besteht aus folgenden Elementen :
- Eine Störung ansprechen und sie vom Konfliktpartner spiegeln zu lassen
- Einen Änderungsvorschlag machen und den ebenfalls spiegeln lassen.
- Entscheidung des Konfliktpartners ob er den Änderungsvorschlag annimmt oder ablehnt
- Bei Ablehnung Gegenvorschlag des Konfliktpartners
- Verhandlung der Vorschläge und deren Abänderung, bis eine Einigung erzielt wird
- Vertrag über die Vereinbarung
- Hilfen zur Einhaltung des Vertrages
- Konsequenzen bei Nichteinhaltung
- gegenseitige Wertschätzung ausdrücken
Folgendermaßen ist die Organisation des Projektes beschaffen:
Alle Klassen eines Jahrganges werden in Kleingruppen zu etwa 10 TeilnehmerInnen eingeteilt, die von einem Trainer des Hauses - Kloppenburg oder einem geschulten Lehrer geleitet werden. Das Projekt findet an drei Schulvormittagen oder am Wochenende statt. Allerdings muss immer die Möglichkeit gegeben sein, drei Einheiten zu 4-5 Zeitstunden durchzuführen.
In der
- Einheit wird soziale Kompetenz vermittelt und eingeübt, d.h. Beobachtung der Durchsetzungswirklichkeit, Spiegeln, Wertschätzung und Sprechen in der Mitteilungsrunde, d.h. Gleichverteilung des Sprech- und Gestaltungsanteiles jedes Teilnehmers.
- Einheit wird geübt, Fordern und Verweigern bewusst zu erleben und gleichermaßen anwenden zu können, d.h. insbesondere auch Fragen des Nachgebens zu bearbeiten. Außerdem wird kritische Rückmeldung geübt und das Modell des „ fairen Streitens“ eingeführt.
- Einheit wird das Modell des fairen Streitens an kleinen aktuellen Störungen in der Gruppe oder im Rollenspiel zu anderen Partnern außerhalb der Gruppe angewendet und eingeübt. In den Klassen kann man dann auch die Partner aus anderen Gruppen einladen oder Störungen einzelner Gruppen innerhalb der Klasse oder zu Lehrpersonen hin bearbeiten.
Der Durchführung des Projektes an Schulen geht eine pädagogische Konferenz für die LehrerInnen und ein Informationsabend für die Eltern voraus. Nach der Durchführung werden 1-3 Elternabende angeboten, damit die Eltern diese Art der Konfliktbearbeitung wenigstens auch kennen lernen können. Es werden immer auch Angebote gemacht, wo man seine Kenntnisse vertiefen und den Lernprozess fortführen kann.
Wenn es an einer Schule schon ausgebildete Streitschlichter oder Paten gibt, können diese in das Projekt mit einbezogen werden.
Nach der Durchführung der Projekttage beginnt das Üben in den Klassen oder im Alltag. Dafür bekommen die Klassen ein Friedensbuch, in das Verträge eingetragen werden können, damit man die Vereinbarungen auch überprüfen kann. Denn Vorsätze geraten schnell in Vergessenheit und Entgegenkommen wird oft hinterher nicht in der Weise durchgehalten, wie es im Ringen um den Vertrag versprochen wurde.
- Der wesentliche Ansatz dieses Modelles ist, dass jeder Konfliktpartner selbst die Instrumente in die Hand bekommt, die er zu einer konstruktiven Konfliktlösung braucht. Viele kleine Störungen, die zu größeren Konflikten werden können, sind auch schon von Kindern untereinander behebbar. Hilfspersonen sind vor allem im Anfang zur Einhaltung der Schritte bei Anwendung des Modells notwendig sowie bei der Bearbeitung größerer Konflikte. Aber auch in diesen Fällen ist ihre Aufgabe, die Konfliktpartner in der Durchführung der Konfliktlösung zu unterstützen, nicht aktiv als Streitschlichter oder, wie die Kinder es sich oft wünschen, als Schiedsrichter aufzutreten.
Durchgängiges Feedback der Lehrer ist nach Durchführung der Projekttage:
- Mindestens hat sich die Atmosphäre in der Klasse deutlich verbessert.
- Wir haben Instrumente an die Hand bekommen, die wir praktisch einsetzen können.
- Viele SchülerInnen praktizieren das Modell untereinander
- Manche SchülerInnen tragen es in die Familie und manche Eltern wenden es auch zu Hause mit ihren Kindern an.
- Mobbingstrukturen oder die Existenz gewaltbereiter Gruppen wird deutlich und beides kann in Nacharbeit Lösungen zugeführt werden.
Es gibt zwei Altersstufen, in denen es besonders günstig ist, diese Form der Konfliktbearbeitung einzuführen:
- die dritte Klasse
- die 5. oder 6. Klassse
Für die dritte Klasse spricht, dass die Kinder gerade dieses Alters entwicklungsmäßig genau in der Phase sind, in der sie soziale Beziehungen zu anderen Kindern interessieren, sie die Schulkameraden in ihrem Verhalten beobachten und das, was sie sehen, auch unbefangen unter Verwendung eines angemessenen Sprachschatzes aussprechen können. Daher sind in diesem Alter gute Voraussetzungen dafür gegeben, dass Kinder frühzeitig konstruktive Konfliktlösemöglichkeiten lernen.
Die Durchführung des Projektes in der 5. oder 6. Klasse hat den Vorteil, dass die Kinder auf den weiterführenden Schulen noch Zeit genug haben, im Klassenverband zu üben bevor ab Klasse 7 Unterricht und Lerngruppierung differenziert werden.
Angesichts der vielen Einzelkinder, die wenig Möglichkeiten haben, soziales Verhalten einzuüben, angesichts des übermäßigen Konsums von Fernsehen und Computerspielen, der eine fortschreitende Reduktion des Sprachschatzes unserer Kinder zur Folge hat und angesichts der vielen Patchworkfamilien, die häufig ein hohes Konfliktpotential mit sich bringen, erscheint es empfehlenswert, möglichst früh die Kinder in soziale Kompetenz und Konfliktlösung einzuüben.
An dieser Stelle ist darauf zu verweisen, dass das Institut für Lehrerfortbildung IFL in Mülheim an der Ruhr die Einführung dieses Modelles der konstruktiven Konfliktlösung an Schulen besonders fördert. In Zusammenarbeit mit der Stadt Langenfeld wurden LehrerInnen aller Schulen in 2 Durchgängen an zwei Tagen in dies Modell eingeführt. Danach wurden an einer Hauptschule in Langenfeld in drei achten Klassen ( ausgesprochene Problemklassen) sowie an 4 Grundschulen in den Klassen 3 und 4 die Projekttage durchgeführt. Das IFL machte im Anschluß an diese Veranstaltungen Fragebogenaktionen bei den betroffenen Lehrern. Das Ergebnis war den oben aufgeführten Einschätzungen entsprechend.
Abschließend ist zur Durchführung des Projektes noch zu sagen, dass problematische Klassen wie etwa solche mit Mobbing – Strukturen oder aktiver Gewaltanwendung unter SchülerInnen auch über Wochen und Monate nach betreut werden können.
Inzwischen gibt es an mehreren Orten weiterführende Schulen, die Kinder aus der Grundschule aufnehmen, die das Vorgehen schon kennen, so dass für den Aufbau von Schulkulturen konstruktiver Konfliktlösung ein Boden bereitet ist. |